Drei Rohrbacher Schlitzohren – ès Obberkerbche, de Sheriff und de Matze Hilar

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Dass die drei Rohrbacher Alfred Pfeifer genannt „ès Obberkerbche“, Rudi Deckarm bekannt als „de Sheriff“ und Hilar Deckarm alias „de Matze Hilar“ ausgesprochene Schlitzohren waren, ist bekannt. Von den Dreien sind zahlreiche Episoden überliefert.

Die bekannteste ist wohl die Geschichte vom Opferkörbchen, die Alfred Pfeifer auch seinen Spitznamen gab.

Es war wohl in den 40-er Jahren, als er und sein Freund Matze Hilar sonntags in der Johanneskirche im Hochamt als Messdiener im Einsatz waren. Bereits vor der Messe hatte Alfred Pfeifer zu Hause von seiner Mutter in Form eines Geldscheins sein „Sonntagsgeld“ bekommen. Da er nach der Messe dieses Geld zum Skatspielen brauchte, kam ihm die Idee, seinen Wirtshausbesuch bereits im Gotteshaus vorzubereiten. So nutzte er die Stille der Wendeltreppe hinauf zur Empore, um seinen Geldschein mit Hilfe des Opferkörbchens in Münzgeld zu verwandeln. Wie sein Freund Matze Hilar bestätigte, soll es dabei stets völlig korrekt zugegangen sein.

Alfred Pfeifer - besser bekannt als s' das Obberkerbche

Alfred Pfeifer – besser bekannt als s‘ das Obberkerbche

Nicht ganz so korrekt, aber umso schlitzohriger verlief es bei einer Variante, die wahrscheinlich nicht der Wahrheit aber doch der Rohrbacher Legendenbildung entspricht. Demnach sollen Alfred Pfeifer und Hilar Deckarm auf dem Weg zur Empore den Inhalt des Körbchens in die Luft geworfen und gesagt haben: „Lieber Herrgott, das Geld, das oben bleibt, ist dein, was runterfällt, ist unser.“ Auch hierbei soll es der Legende nach fair verlaufen sein. Weder die beiden Messdiener noch der Herrgott haben sich je beschwert.

Rudi Deckarm – auch bekannt als “de Sheriff”

Rudi Deckarm – auch bekannt als “de Sheriff”

Eine andere Anekdote bezieht sich auf das Lottoglück, an dem sich nicht wenige Rohrbacher versuchten. Sowohl „Obberkerbche“ Alfred Pfeifer wie „Sheriff“ Rudi Deckarm arbeiteten bei den SAM-Werken in der Eckstraße. Dort gab es unter den Mitarbeitern eine Tippgemeinschaft, die regelmäßig Lotto spielte, doch nur sehr selten und stets nur geringe Gewinne erzielte.

"Sheriff" (Rudi Deckarm) auf seinem Arbeitsplatz bei den Rohrbacher SAM - Werken

„Sheriff“ (Rudi Deckarm) auf seinem Arbeitsplatz bei den Rohrbacher SAM – Werken

Als der als „knickig“ bekannte Alfred Pfeifer zwei Wochen Urlaub vor sich hatte und sich den Tippeinsatz für diese Zeit sparen wollte, bat er Rudi Deckarm, in dieser Zeit für ihn einzuspringen. Prompt landete die Tippgemeinschaft in dieser Zeit einen Sechser und erhielt einen riesengroßen Gewinn.

Als „Obberkerbche“ aus dem Urlaub zurückkehrte und von dem Gewinn hörte, war er sichtlich geschockt. Doch Rudi Deckarm hatte seinen Freund nicht vergessen. Als dieser montags seinen Arbeitsplatz in der Eckstraße wieder antrat, hatte der „Sheriff“ ihn an seinem Gewinn teilhaben lassen: Ein nagelneuer Schaffanzug und neue Schaffschuhe lagen auf „Obberkerbchens“ Werkbank.

"Sheriff" (Rudi Deckarm ) mit seinem Lottogewinn - ein Mercedes

„Sheriff“ (Rudi Deckarm ) mit seinem Lottogewinn – ein Mercedes

So kennen ihn die Rohrbacher - Hilar Deckarm (Matze Hilar)

So kennen ihn die Rohrbacher – Hilar Deckarm (Matze Hilar)

Dass nicht wenige Anekdoten der drei Schlitzohre in Gaststätten spielen, versteht sich von selbst. So stand einmal ein großer Hundeliebhaber neben Hilar Deckarm, als dieser im Lokal „Zum Aules“ bei Wirtin Mariechen seinen Dämmerschoppen einnahm. Der Hundeliebhaber dozierte über Hunde und deren Intelligenz, und sein Vortrag gipfelte in dem Satz, es gäbe Hunde, die seien schlauer als ihr Herrchen. „Matze Hilar“ ging die Schlaumeierei auf die Nerven, und er beendete das Thema mit einem Satz, der ähnlich „dummschlau“ daherkam wie der Vortragende: „Genau so einen Hund habe ich auch.“

Noch eine Story von Matze Hilar gefällig.

Matze Hilars Neffe, der spätere Apotheker Christoph Dahlem, war ein guter Schüler, doch Malen und handwerkliche Aufgaben lagen ihm nicht. So waren schlechte Noten bei Schwester Kunigunde, die den Kunstunterricht leitete, an der Tagesordnung.

Christoph Dahlem (Inhaber der Rohrbach Apotheke) mit seinem Onkel Hilar Deckarm

Christoph Dahlem (Inhaber der Rohrbach Apotheke) mit seinem Onkel Hilar Deckarm

Eine Hausaufgabe allerdings, mit kleinen ausgerissenen Papierfetzen einen Hahn auf ein großes Blatt zu kleben, gelang ihm so gut, dass er sich erstmals auf den Kunstunterricht freute. Doch die Freude währte nicht lange. Statt ihn zu loben, entschied Schwester Kunigunde, ein so schönes Bild könne er unmöglich selbst verfertigt haben, und gab ihm wegen Täuschungsversuch die Note sechs. Betrübt zog der kleine Christoph nach Hause und vertraute sich Matze Hilar an, der nicht nur Onkel sondern auch Freund war. Hilar tröstete seinen Neffen so gut, es ging, ansonsten mochte er sich gesagt haben, dass man sich im Leben und besonders in einem Dorf wie Rohrbach stets ein zweites Mal traf.

Die nächste Begegnung mit Schwester Kunigunde blieb nicht aus. Jedes Jahr erschienen in der Vorweihnachtszeit Nonnen aus dem Schwesternheim in Hilars Lebensmittelgeschäft. Dort schenkte ihnen Hilar, wie zuvor schon sein Vater, Mehl und Zucker, um das alljährliche „Zuckerdengs“ zu backen. In diesem Jahr war es Schwester Kunigunde, die kam, um die Backwaren abzuholen.

Hilar nahm ihre große Tasche entgegen und ging in den Keller, wo er seine Vorräte gelagert hatte. Sein Blick fiel allerdings nicht auf Zucker und Mehl, sondern auf den großen Topf, in dem er Sauerkraut eingemacht hatte. Der Deckel dieses Topfs war wie in jener Zeit üblich mit einem schweren Stein beschwert. Diesen Stein wickelte Hilar in Zeitungspapier, bettete ihn in die Tasche und übergab Schwester Kunigunde die Zutaten mit der Bemerkung, dieses Jahr habe er besonders viel reingetan.

Die Mienen, die Kunigunde und ihre Mitschwestern beim Auspacken machten, sind nicht überliefert. Doch Hilar sah das Gesicht des kleinen Christoph, als er mit ihm auf der Treppe vor seinem Laden stand, und die beiden Kunigunde nachschauten, wie sie schief und schepp ihre „Beute“ den Hochrech raufschleppte. Und obwohl man sich in einem kleinen Dorf wie Rohrbach stets ein zweites Mal trifft, war die Schwester in Matze Hilars Laden ihr Lebtag nicht mehr gesehen.

Noch eine Story von „Matze Hilar“ und dem „Obberkerbche“ gefällig

„Matze Hilar“ war bekanntlich ein Hundeliebhaber. Er hatte viele Jahre einen Schnauzer als Freund. Eines schönen Tages war in Heidelberg eine Hundeausstellung für Schnauzer. Da „Matze Hilar“ nicht genau wusste, wo diese Ausstellung in Heidelberg sein sollte, nahm er seinen Freund Alfred Pfeifer (“ s Obberkerbche“) mit als Navigator auf der Autobahn. Als man in Rohrbach auf die Autobahn auffuhr, erblickte Beifahrer Alfred Pfeifer in einem vorbeifahrenden Auto einen Schnauzerhund hinter der Heckscheibe.Jetzt sagte Alfred Pfeifer zu Hilar: „Fahr dem nach, der fährt auch dahin, wo wir hin wollen“. Gesagt getan. Doch der besagte Fahrer nahm eine ganz andere Route. Nach einer Stunde Fahrzeit stand man anstatt in Heidelberg auf der Schnauzerausstellung, in Nieder-Olm bei Mainz vor einer Garageneinfahrt. Groß war das Erstaunen von Hundeliebhaber „Matze Hilar“ und seinem Navigator „Obberkerbche“. Unverrichteter Dinge musste man wieder die Heimfahrt antreten.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Christoph Dahlem, Bettina Omlor und Martin Bettinger.

Diesen Artikel finden Sie u. a. in dem zweiten Band von Rohrbach Nostalgie von Karl Abel. Diesen Band gibt es genau wie den ersten Band aus dem Jahr 2012 zum Preis von 15 Euro beim Autoren in Rohrbach in der Ebertstraße 47, ebenso im Schreibwarengeschäft Sieglinde Graf in Rohrbach in der Oberen Kaiserstraße 90 zu kaufen.

7 Gedanken zu “Drei Rohrbacher Schlitzohren – ès Obberkerbche, de Sheriff und de Matze Hilar

  1. Hallo Karl, war mal wieder ein super „Schmankerl“. Mach mal weiter so. Es ist immer schön, so zwischendurch was von der Heimat zu hören.
    Dir und deiner Familie wünsche ich alles erdenklich Gute im Jahr 2014
    Berthold Koch

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  2. Hallo Karl, ich kann mich noch genau daran erinnern wie mein Onkel „Matz“ und
    „de Korb“ im Opel Rekord an einem Sonntag zur Schnauzer Ausstellung gefahren sind. Mit Deiner Rohrbach Nostalgie weckst Du so viele Erinnerungen bei mir und allen anderen Rohrbachern, ich kann Dir nur danken.
    Mach weiter so, Du schreibst Rohrbacher Geschichte.
    Christoph Dahlem

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  3. Hallo Karl und alle die den Kommentar auch lesen:
    Alles gute im neuen Jahr.
    Ich kann mich noch gut an die Ende 60er und Anfang 70er Jahre erinnern. Wir verkehrten damals oft beim Sheriff.
    Mach weiter so, schade so was wär auch „was for Dengmert“

    Gruß Karla und Artur

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  4. Hallo Karl

    Diese humorvoll, ironisch geschriebenen Anekdoten bringen einem wirklich zum Lächeln. Sie haben ganz bestimmt einen Platz in Deinem „Rohrbach Nostalgie“ Buch verdient. Obwohl ich schon so lange die alte Heimat verlassen habe, ist es mir immer noch möglich, auf dem Laufenden über die Rohrbacher Historie zu bleiben. Deine Website ist so informationsreich und kann leicht angeklickt werden. Unumstritten, sehr gute Arbeit!
    Keep up the good work, Karl!

    Else Bens
    Ottawa, Canada

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  5. Hi Karl, die Story ist der absolute Knaller; einfach nur köstlich. Am tollsten fand ich die Geschichte um Sr. Kunigunde. Auch ich kann ein Lied über sie singen, habe ich ihr doch eine mächtige Tracht Prügel seitens meiner Mutter zu verdanken. Und das nur, weil ich ihr sagte, sie (Sr. Kunigunde) könne mich als lachende Messdienerin am Altar gar nicht wahrnehmen, wenn sie denn in ihrer 3. Bank richtig beten würde. Das war’s dann. Sr. Kunigunde rannte ins „Ewwerdorf“ und ich konnte kurz danach nur noch schwerlich auf einem Stuhl sitzen.
    Danke „Matze Hillar“, dass Du mich vorab schon mal gerächt hast!:))

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  6. Hallo Karl ! Deine Beiträge sind immer wieder lesenswert .
    Diesen Beitrag habe ich mindestens schon 3x gelesen .
    Das war sicher nicht das letzte mal.
    In Deinen Anektoden findet man immer wieder was das schon fast
    in vergessenheit geraten ist .
    Durch diese Erinnerungen wird Rohrbach nie in Vergessenheit geraten.
    Gruß Horst.

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