Die Geschichte der Kaiserstraße in Rohrbach

Um 1930 - Die Kaiserstraße von der Drehscheibe aus gesehen Richtung Ewwerdorf

Um 1930 – Die Kaiserstraße von der Drehscheibe aus gesehen Richtung Ewwerdorf

Die Kaiserstraße in Rohrbach wurde vor rund 200 Jahren erbaut. Der Rohrbacher Heimatforscher Friedrich Müller hat in den Staatsarchiven Speyer und Koblenz etliche Zeit darüber recherchiert.

Von jeher führte eine bedeutsamer Verkehrsweg durch Rohrbach. Im Mittelalter war es die königliche Heeres- und Geleitstraße, die Via regalis (königliche Straße). Nach ihr wurde unser Ort – zur Unterscheidung von anderen Ortschaften gleichen Namens – benannt: Rohrbach an der Straße. Unter Kaiser Napoleon Bonaparte wurde die Straße nach den damals modernsten Gesichtspunkten  ausgebaut. Am 16. 12. 1811 erhielt sie die offizielle Bezeichnung:  « route impériale de Paris à Mayence et en Prusse de 1ère classe n° 4 ».
Mit der Erbauung des Streckenabschnitts Scheidt-Limbach wurde am 10. November 1807  der  Bauunternehmer Hirsch aus Saarbrücken beauftragt, am 13. Juli 1808 ging es mit Macht los. Nach Aussagen des Unternehmers wurden Ende 1810 die Arbeiten beendet und damit die Strecke für den Verkehr freigegeben.
Über die Baumaßnahmen in Rohrbach erfahren wir, dass sie die Dimension eines Großprojektes annahmen. Gewaltig war die Umgestaltung der vertrauten Verhältnisse an der alten Straße. Rohrbach hatte (1803) insgesamt  61 Haushalte, 16 wurden in unterschiedlicher Weise zum Teil sehr hart betroffen, das waren rund 26 Prozent der dörflichen  Anwesen. 9 Grundstücksbesitzer hatten darüber hinaus eingangs des Ortes von St. Ingbert her  Gelände für den Straßenbau abzugeben.
Die Ortschaft war damals viel kleiner, die Besiedelung  begann  etwa am Rohrbach und endete bereits im Bereich der heutigen Johanneskirche. Auf der Urkatasterkarte von 1845 sind die damaligen Endpunkte noch in etwa zu erkennen.

Die Urkatasterkarte aus dem Jahre 1845 mit dem Gebäudebestand entlang der Straße ( und den Besitz-Nummern)

Die Urkatasterkarte aus dem Jahre 1845 mit dem Gebäudebestand entlang der Straße ( und den Besitz-Nummern)

Um 1935 Das alte Forsthaus im Ewwerdorf (Foto: Willi Hardeck)

Um 1935 Das alte Forsthaus im Ewwerdorf (Foto: Willi Hardeck)

Um 1955 Die Kaiserstraße vor Beginn des Autobahnbaus am Ortsausgang Richtung Kirkel (Foto: Willi Hardeck)

Um 1955 Die Kaiserstraße vor Beginn des Autobahnbaus am Ortsausgang Richtung Kirkel (Foto: Willi Hardeck)

Die neue Straße unterschied sich  erheblich von dem Vorgängerweg. Auf älteren Fotos treten die  Merkmale des neuen Straßentyps z. T. deutlicher hervor als beim Betrachten der heutigen Fahrbahn.
Man sieht, dass die Straße einen gewölbten Körper aufwies; die Breite betrug durchgängig
10 Meter, hinzu kamen an beiden Seiten je 2 Meter, die dem Wasserabfluss dienten; im Ort übernahmen sie außerdem die Funktion eines Fußgängerweges, auf den freien Strecken wurden hierauf die Alleebäume angepflanzt. 1935 stand noch die – vermutlich zweite –  Generation von Bäumen dicht hintereinander. 1955 gab es schon beträchtliche Lücken.
In der napoleonischen Zeit  war die Straße nicht mit Basaltsteinen gepflastert, sie  verblieb auf den freien Strecken ausgangs des Ortes in geschottertem Zustand; das Material  wurde mittels eines Schlittengefährts von den Sandsteinbrüchen des Kahlenbergs herunterbefördert und von den Bauern sodann – gegen Bezahlung – abgefahren. Nur das Straßenstück durch den Ort war gepflastert, mit ausgesuchten eisenhaltigen Sandsteinen der Umgebung

Die Pfarrkirche St. Johannes um 1920

Die Pfarrkirche St. Johannes um 1920

Man sieht auf dem Foto,  dass nicht nur die heutige Pfarrkirche, sondern auch das unterhalb befindliche Gebäude (heute ein Hinterhaus) erhöht stehen, und zwar auf dem auslaufenden felsigen Bergrücken der „Platte“.  Ursprünglich schob sich derselbe weiter herüber. Um den steilen Aufstieg auf und über ihn abzuschwächen,  wurden mächtig viel Erd- und Gesteinsmassen abgegraben und auf dem  Fahrweg unterhalb  abgelagert. Begonnen wurde am Rohrbach, den einst – nach den Ermittlungen von Andreas Badar – ein Knüppeldamm überquerte. Über den Bach  wurde früh eine steinerne Brücke erbaut, vor dem 19. Januar 1809 war sie fertig. Dann wurde deutlich aufgefüllt, noch heute ist das ungefähre Ausmaß  vom Parkplatz der Kreisparkasse aus zu erkennen.

Von dieser Stelle aus wurde ein Damm mit abnehmender Höhe zu dem abgegrabenen Straßenstück aufgeworfen und so gekonnt nivelliert, dass sich ein gleichmäßig sanfter Anstieg ergab, eine Meisterleistung französischer Ingenieurskunst.
Auf  älteren Fotos ist die Anstiegslinie ebenfalls gut zu erkennen

 1939 Die Kaiserstraße (rechts das Gasthaus Zum Mühlenhannes) Etwas oberhalb des Gasthauses befand sich einst der Dorfbrunnen mit zwei erhaltenen Trögen; das Brunnenwasser lief über die Straße zu den Wiesen von gegenüber und bew

1939 Die Kaiserstraße (rechts das Gasthaus Zum Mühlenhannes)

Etwas oberhalb des Gasthauses befand sich einst der Dorfbrunnen mit zwei erhaltenen Trögen; das Brunnenwasser lief  über die Straße zu den Wiesen von gegenüber  und bewässerte sie. Der aufgeworfene Damm ließ dies jedoch fortan nicht mehr zu, die Wiesenbesitzer, die alte Wasserrechte besaßen, beschwerten sich.

Gehen wir ein Stück straßenaufwärts!

1918 Die Kaiserstraße von der früheren Bäckerei Emanuel Haberer aus gesehen

1918 Die Kaiserstraße von der früheren Bäckerei Emanuel Haberer aus gesehen

Der Bereich „Drehscheibe“ existierte früher auch schon, nur lag die Straße tiefer, auf Höhe des heutigen Wiesentalschulhauses. Hier wurde die Trasse einst auch noch stark angehoben.  Nach Erzählungen von früher wurde eine Art Skizze zweier alter Gebäude an der Drehscheibe angefertigt.

Eine nach Erzählungen, von Otto Staut, angefertige Skizze der Bäckerei Wolf (links mit Treppe) und dem Haus Bettinger. Rechts im Hintergrund ein Brunnen

Eine nach Erzählungen, von Otto Staut, angefertige Skizze der Bäckerei Wolf (links mit Treppe) und dem Haus Bettinger. Rechts im Hintergrund ein Brunnen

Sehen wir uns den gleichmäßigen Anstieg der Kaiserstraße von oberhalb her an!.

Um 1965 Blick in die Kaiserstraße

Um 1965 Blick in die Kaiserstraße

Die neue Straße wies, außer der Wölbung, der einheitlichen Breite und der herausragenden Nivellierung, noch ein weiteres wichtiges äußeres Merkmal auf: eine – möglichst – gerade Führung.
Die Vorgängerstraße war im Ort breit ausgefahren. Die Hinterhäuser, die teilweise noch heute hinter den Gebäuden an der Straße stehen, lassen es in etwa erahnen. Ein Grund war: da standen früher einige Wohnhäuser und auch Nebengebäude  mitten oder zu einem Teil auf dem Weg, die der Verkehr umlief.  Vier Anwesen waren es. Was passierte mit ihnen im Zuge des Straßenausbaus?
Gehen wir auf die Situation des Posthalters Georg Jacob näher ein! Sein Haus hatte eine Grundfläche von 135 qm. Ihm wurde eröffnet, dass davon  81 qm für die neue Straßenführung benötigt würden. Diese Partie müsse abgerissen werden, das war mehr als die Hälfte seines Hauses. Der Posthalter hatte außerdem noch die Fassade seines Pferdestalles und seiner Scheune, die 45 Zentimeter tief in der neuen Straßenflucht, d. h. hier im „Bürgersteig“ stand, um genau dieses Maß zurück zu versetzen. Der Posthalter entschied sich für den Abriss aller seiner Gebäude und  ihren Neuaufbau. Die „Ökonomiegebäude“ wurden an der heutigen Straße „Hinter den Gärten“ neu errichtet, sie stehen heute noch, ebenfalls steht noch das neue Postgebäude mit Gasthaus an der Kaiserstraße, mit dem Jahr der Fertigstellung 1810 über dem Eingang. Am 4. Mai 1809 hatte Jacob beim Unterpräfekten von Saarbrücken den Bauantrag eingereicht.  Straßenbauingenieur Wenger markierte die Fluchtlinie durch Einschlagen von Pflöcken.

Das Postgebäude erbaut um 1810 war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Poststation. So sieht es fast heute noch aus

Das Postgebäude erbaut um 1810 war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Poststation. So sieht es fast heute noch aus

Das Foto zeigt vor dem Hauseingang eine Außentreppe mit beiderseitigem Auf- und Abgang auf den Bürgersteig, erbaut in der bayerischen Zeit. Eine solch repräsentative Treppe wollte der Posthalter  bereits 1810 erbauen, sie wurde aber von Amtsseite nicht genehmigt, mit der Begründung, der 2-m-Bereich entlang der Straße müsse frei bleiben. Der Posthalter ließ trotzdem bauen. Warnungen, auch vom St. Ingberter Bürgermeister Peter Hauck, ignorierte er. Am 1. Juni 1810 erschien ein Gendarm namens Gallat von der Brigade Saarbrücken – und brachte ihn zur Raison. Das Streitobjekt musste er abreißen.
Die 14-Meter-Straßenbreite war unbedingt auch innerhalb der Ortschaft zu beachten.

Wie beim Abstecken der neuen Trasse ab September 1808 von Seiten der Baubehörde vorgegangen wurde, schildert  Johann Stoltz, der Vater des ersten Rohrbacher Bürgermeisters Jakob Stoltz ( Anwesen etwa hinter dem ehemaligen Gasthaus Tivoli). Von Angestellten der „Brücken- und Straßenbaubehörde“ (ponts et chausées) wurde, gestützt auf eine topographische Karte, der Straßenverlauf  markiert, Pflöcke wurden eingeschlagen. Es ergab sich, dass die neue Trasse durch einen Teil des Hofes von Stoltz und auf 300 Metern – so gab er an – durch seinen von Hecken umgebenen Garten führte. Sogleich wurde das Gelände freigeschlagen, ein Teil der Hecke und auch 8 bis 10 Obstbäume seines Gartens wurden abgehauen. Auf die mündlichen Beschwerden von Stoltz wurde nicht reagiert. Er wandte sich daher schriftlich, in einer Petition, an den Präfekten des Saardepartements; das Schreiben aus Rohrbach ist erhalten. Von der Behörde wurde überall ähnlich rigoros bei der Umsetzung des Bauprojektes  vorgegangen – ein Bürgerprotest etwa wie bei Stuttgart 21 als Reaktion darauf war ganz unmöglich –, doch andererseits wurden alle Eigentümer, die durch „öffentliche Arbeiten“ Nachteile hinzunehmen hatten, entschädigt, und zwar  für den Abriss ihrer Gebäude (Der Posthalter erhielt 5 118 Francs),  für die baulichen Ausgleichsmaßnahmen, die notwendig wurden in Form von Stützmauern, Treppen hinauf  zur – bis zu 1,55 m höher gelegten – Trasse, für  Rampen zu Scheunen und Ställen usw. (insgesamt 1 620,77 Francs) –  wie auch für die Geländeabgabe. Dies regelte eine Kommission, bestehend aus dem Straßenbauingenieur Wenger und dem St. Ingberter Bürgermeister Peter Hauck; sie wurde  bei jedem Betroffenen vorstellig und war durchaus  bemüht um Einzelfallgerechtigkeit.
Genaueres (einschließlich der Quellenbelege)  ist nachlesbar in dem Aufsatz von Friedrich Müller in der „Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde“ Nr. 106 (2010/3),
S. 32-62).

Sehr lesenswert ist die historische Erzählung  von Eugen Motsch: „Rohrbach, ein Dorf an der Straße“ (zu beziehen über die Rohrbacher Heimatfreunde e. V., Tel.: 06894/52287).

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Friedrich Müller.

4 Gedanken zu “Die Geschichte der Kaiserstraße in Rohrbach

  1. Hallo Karl!
    Habe deinen Eintrag zur Kaiserstraße gelesen.
    Obwohl ich dieses Thema schon aus bereits
    vorhandener Literatur kenne, ist es trotzdem
    immer noch interessant, seine Kenntnise darüber
    wieder ein wenig aufzufrischen.
    Danke für dein Bemühen.
    Gruß Günter!

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  2. Hallo Karl,

    fantastischer, akribisch genau recherchierter Bericht über die Rohrbacher Kaiserstraße.
    Kompliment natürlich auch an die Heimatforscher und Fotografen.

    Jörg Schuh

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  3. Habe mit großem Interesse Deinen Artikel über die Kaiserstr. gelesen und es kamen Erinnerungen an die Kinderzeit zurück.
    Habe meine Kindheit in der Kaiserstr., 4 Häuser oberhalb vom Lehrer Müller verbracht.

    Super Arbeit!!!!

    Gruß von Kurt Baecker

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