Die Toten Hosen in der Toten Hose – Eine kultige Punkkneipe in Rohrbach

Mitte der 1970er-Jahre entstand in New York und London eine Jugendbewegung, die unter der Bezeichnung Punk rasend schnell die Welt eroberte.

Provokation und Hässlichkeit als Programm waren die hauptsächlichen Erkennungsmerkmale dieser neuen Subkultur: Auffällig unangepasste Kleidung und Frisuren sowie grelle Beschminkung des Gesichtes und durch die Haut gepiercte Sicherheitsnadeln gehörten ebenso zu den Erkennungszeichen der Punker wie eigenwilliges, rebellisches Verhalten.

Zwei Konzertbesucherinnen vor der Toten Hose

Auch die Musikszene mischte die neue Stilrichtung gehörig auf – die Patti Smith Group oder die Ramones aus den USA, „The Clash“ und vor allem die Sex Pistols mit ihrem selbstzerstörerischen Frontmann Sid Vicious in England sorgten mit ihrer Art des Auftrittes schnell für Furore und Kopfschütteln. Simple Songstrukturen, rohe Spielweise und starke programmatische Aussagen charakterisierten den rasch um sich greifenden Trend. Ein wesentliches Merkmal der Musik war der selbstbewusst zur Schau gestellte Dilettantismus – drei Akkorde auf der Gitarre zu beherrschen, galt als ausreichende Qualifikation zur Gründung einer Band.

Luftaufnahme der Kultkneipe Tote Hose

Eine ehemalige Tankstelle in der Rohrbacher Kaiserstraße, gelegen am Ortsausgang in Richtung St. Ingbert, avancierte 1981 zum Mekka der saarländischen Punkmusik – die Kneipe „Tote Hose“. Der St. Ingberter Lokalredakteur der Saarbrücker Zeitung, Manfred Schetting, kommentierte in einer Kolumne Anfang Januar 2015 rückblickend die Bedeutung der seiner Zeit verruchten Spelunke: „Ein beliebter Treff der Bürgerschrecks und für ein paar Jahre so etwas wie das Synonym fürs saarländische Sodom und Gomorrha.

Eine Aufnahme aus 2015: Zwischen den Schildern REWE und Aldi befand sich das Punklokal. Anfang der 90er Jahre wurde das Lokal Tote Hose zur Kulturkneipe „Olli’s Kneipe“ mit Ihrem Inhaber Gerhard Würtz. In einem gesonderten Artikel wird noch von dieser Kneipe berichtet.

Und dort, wo heute die Aldi-Filiale steht, trat auch die jetzt berühmte Band Tote Hosen in ihren Anfangstagen gleich mehrmals auf. Den Punks aus Düsseldorf gefiel sichtlich, dass sie in einem Lokal lärmten, das ausgerechnet ihren Bandnamen trug. In Interviews haben sich Campino & Co. seither verschiedentlich an die tollen Tage in Rohrbachs „Toter Hose“ erinnert“.

1984 am Ostersamstag. Campino und seine Freunde spielen gegen eine Rohrbacher Fußballmannschaft auf einer Wiese vor dem Umspannwerk. Im Hintergrund die Punkkneipe Tote Hose

Und Norbert Küntzer schreibt in seiner Chronik „Saar Rock History“: „Nietenkaiser aus Kaiserslautern, Trier und der gesamten Großregion pilgerten zu dieser Kathedrale des Punkrocks“. Und weiter:  „Richard Hell and the Void Oids“, „Serious Drinking“, „Die Mimmis“, „Walter Elf“, „Neurotic Asshole“, „Die Goldenen Zitronen“ spielten hier  – und die „Tote Hose“ war immer proppenvoll. Absolute Höhepunkte seien freilich die Auftritte der heute weltbekannten Band „Die Toten Hosen“ mit ihrem charismatischen Chef Campino (bürgerlich Andreas Frege) gewesen.

Vor der „Hose“

Sie gastierten erstmals 1982 in Rohrbach. „Die Toten Hosen in der Toten Hose, Wahnsinn“, beschreibt Norbert Küntzer die Konzerte in Rohrbach. Die Band war damals natürlich noch weit weg von Spektakeln wie „Rock am Ring“ und ausverkauften 10.000er-Hallen. Aber sie waren schon damals Kult – genau wie die „Tote Hose“ selbst.

Die Toten Hosen mit Campino in der Punkkneipe Tote Hose in Rohrbach

Michael „Breiti“  Breitkopf, der Gitarrist der Gruppe, skizzierte in einem Interview mit dem Pfälzischen Merkur: „Unsere Anfänge im Saarland waren in Rohrbach. Dort gab es einen Club, der nannte sich „Tote Hose“, ohne zu wissen, dass es uns gibt. Das war 1982. Da war es naheliegend, dort zu spielen. Wir hatten drei Auftritte vor jeweils etwa 150 Leuten. Direkt nebenan war ein Fußballplatz, und die Betreiber haben einen guten Eintopf für uns gemacht“.

In einem Fernsehinterview 2012 erinnerte sich Campino noch genau an die Konzerte in Rohrbach: https://www.youtube.com/watch?v=-6z28uUTdwk&feature=youtu.be&t=1m33s

1984 am Ostersamstag. Campino und seine Freunde spielen gegen eine Rohrbacher Fußballmannschaft auf einer Wiese vor dem Umspannwerk. Im Hintergrund die Punkkneipe Tote Hose

„Dieser kleine Laden in Rohrbach bei Kirkel, bei Saarbrücken, der hieß Tote Hose, das war eine ehemalige Tankstelle. Es stank da immer noch fürchterlich nach Diesel und Benzin. Das war natürlich erst mal unser Hausladen. Wir haben da alle sechs Monate gespielt. Und das Fantastische war, dass nebenan ein Fußballplatz war, und wir konnten vor dem Konzert mit dem Publikum immer noch Fußball spielen“. Nicht wählerisch waren die „Hosen“, was die Übernachtungsmöglichkeiten nach dem Auftritt anbelangte. Wolfgang Seel, der langjähriger Bundesliga- und Nationalspieler, erinnert sich, dass ein altes Bauernhaus in der Kirkel-Neuhäuseler Straße als Obdach genutzt wurde. Ein anderes Mal wurde das Nachtquartier in der nicht mehr genutzten Werkshalle einer Heizungsbaufirma in Rohrbach bezogen.

1984 am Ostersamstag. Campino und seine Freunde spielen gegen eine Rohrbacher Fußballmannschaft auf einer Wiese vor dem Umspannwerk. Im Hintergrund die Punkkneipe Tote Hose

Welche Rolle die „Tote Hose“ in Rohrbach innerhalb der deutschen Punk-Szene spielte, skizziert der Rückblick der Band „Die Frohlix“ aus Mainz, die 1985 ihre Premiere hatte: „Sicherlich eine der abgefahrensten Locations, die es in Deutschland je gab, nämlich eine zum Punk-Schuppen umgebaute Tankstelle „in the middle of nowhere“ zwischen St. Ingbert und Rohrbach im Saarland. Immerhin hatten in dem sehr kleinen Raum bereits damalige Größen wie „Serious Drinking“, „Die Mimmis“ oder auch „Die Toten Hosen“ gespielt“.

The Beauty Contest

Und auch wie ein solcher Auftritt ablief, lässt der Autor anschaulich Revue passieren: „Von den Erfolgen der ersten Konzerte verwöhnt, reisten wir mit breiter Brust an, und fielen, aus heutiger Sicht nachvollziehbar, voll auf die Schnauze. Die Wenigen, die da waren, mussten uns gleich zweimal ertragen, nämlich als eigene Vorband namens „Die umgedrehten Schildgröten“ und als „Frohlix“. Problematisch wurde die ganze Angelegenheit auch dadurch, dass Trompeter Uli, des Apfelweins nicht kundig, die Auffassung vertrat, kurz vor dem Konzert noch zwei Liter desselbigen trinken zu können. Dies tat dem Hörgenuss durchaus Abbruch.

Vor der „Hose“

Abkühlung von der heißen Musik vor der “Hose”

Abrasive Wheels

Abrasive Wheels

Gefallen hatte es offensichtlich dennoch, vor allem dem anwesenden Sänger der „Walter Elf“, Beppo, welcher sich mit einem lauten „Heintz Baked Beans“-Ruf auf der damaligen Liveaufnahme verewigte (zu hören u.a. auf dem besten jemals in Deutschland veröffentlichten Sampler „Die Reise nach Jerusalem“ – „PKK – Pissende Kuh Kassetten“, kurz nach der – berechtigten – Bemerkung einer Punkerkollegin: „Aj, des brings doch net. Aj, des kannsde doch vergäse“.

Abrasive Wheels

The Palookas

Auch in die Literatur hat die Rohrbacher Kneipe inzwischen Einzug gehalten. Peter „Theo“ Theobald, der Autor, zeichnet in seinem 2011 veröffentlichten Buch „Der Roman, der 2030 erscheint – 30 Jahre Kampf gegen das Erwachsenwerden“ einen seiner Konzertbesuche nach: „Eines nachts sehe ich nach dem Discobesuch im Fernsehen eine Dokumentation über Rockmusik. Im letzten Teil dieses Films sind aktuelle Bands zu sehen, die normalerweise im Fernsehen nicht laufen:

The Insane

The Pogues (eine Mischung aus Folk und Punk), The Smiths, The Fall und The Stingrays (eine Psychobillyband). Diese Stingrays spielen den Dienstag darauf in Rohrbach, Tote Hose. Die Tote Hose ist eine stillgelegte Tankstelle in der Nähe von St. Ingbert, wo Punkkonzerte stattfinden. Ich erinnere mich, dass hier neben den Stingrays über mehrere Jahre Bands wie die Toten Hosen, UK Subs, Guanabatz, Nikki Sudden und uva. auftreten. Der Laden ist total versifft. Ein Klo für alle, welches total eklig ist. Nie Papier. Mikrokleine Bühne. Scheiß PA. Megadreckige Theke. Aber die Konzerte sind gut, vor allem laut, wild und billig. Getränke auch. Dienstags fahren wir nach Rohrbach, um die Stingrays zu sehen. Herbi, Jojo und ich und der blaue Kadett. Leider herrscht zu diesem Zeitpunkt sibirische Kälte in Deutschland. -20 Grad oder so. Wir kommen an, das Konzert findet auch statt, da aber nur 5 zahlende Zuschauer da sind, fahren wir wieder. Im Glatteis wieder 50 Kilometer zurück“.

Die Mimmi’s

Zuhörer bei den Mimmi’s

Die Mimmi’s

Die Toten Hosen starteten nach ihren Auftritten in Rohrbach schnell durch. Mit ihrer ersten Single „Jürgen Englers Party“, der ironischen Antwort auf die „Neue Deutsche Welle“, landeten die Toten Hosen einen ersten Szenehit. Es folgten regelrechte Paukenschläge wie mit „Eisgekühlter Bommerlunder“ ein mit einer kostenlosen Werbekampagne für die Spirituose verbundenes Trinklied, das auch besonders laut zu spielen war.

Serious Drinking

Serious Drinking

Serious Drinking

Durchaus auch Gespür für Klassik legten die „Hosen“ mit einer Neuauflage des „Kriminaltangos“ an den Tag. Der frische Wind, für den die Toten Hosen in der deutschen Musikszene sorgten, wurde nicht nur von den einschlägigen Pop-Zeitschriften registriert. Etablierte Magazine wie „Stern“ oder „Transatlantik“ entdeckten die Band ebenfalls. Und auch in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern traten die Düsseldorfer auf, gehörten bald zu den Stammgästen bei „Formel I“ oder machten schon einmal „Bei Bio“ Station.

Sting Rays

Sting Rays

Sting Rays

Während die Toten Hosen so mithin in Rohrbach ihre Karriere begannen, war Mitte der 1980er-Jahre dann im wahrsten Sinn des Wortes leider tatsächlich „tote Hose“ für die Tote Hose.

Finanzielle Schwierigkeiten zwangen den Betreiber der Kneipe, das Handtuch zu werfen. Zu viele saumselige Zecher hatten Deckel von mehreren Tausend Mark angehäuft und zudem vergessen, selbige auch zu begleichen. Der Schauplatz des Geschehens, inzwischen längst von legendärem Ruf, wurde abgerissen. Inzwischen haben sich dort von Parkplätzen umgebene Discounter angesiedelt – ganz realer Punk hat sich also des historischen Geländes bemächtigt.

 Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Bert Romann, Andrea Schmidt, Norbert Hähnel, Wolfgang Wirtz-Nentwig, Stefan Wirtz, Rainer Vogelgesang, Jonas Schales, Rudolf Blatt, Vio Trinkaus, Lutz Hauck, Walter Gehring, Roland Helm, Norbert Küntzer, Otto Stuppi und dem Management der Toten Hosen in Düsseldorf.

Erschienen ist dieser Artikel auch im Saarpfalz-Jahrbuch 2017.

Ein Gedanke zu “Die Toten Hosen in der Toten Hose – Eine kultige Punkkneipe in Rohrbach

  1. Als Toten Hosen Fan habe ich den Artikel mit Interesse gelesen. Hat mir sehr gut gefallen. Da war in Rohrbach ja richtig was los

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